An den vier Enden der Welt
An den vier Enden der Welt
Das Weingut Dr. Loosen an der Mittelmosel: Winzerlegende Ernst Loosen macht Rieslinge von Weltformat aus legendären Lagen und aus dem traditionellen Holzfass
4. Mai 2026

Das ist sehr kurz gefasst gewissermaßen das kleine und große Geheimnis von Ernst Loosen, der früh verinnerlicht hat, wie Wein bei seiner Entstehung betreut werden muss: Es gilt, ihn im Weinberg wie im Keller ungeachtet aller technologischen Möglichkeiten kompromisslos so zu unterstützen, dass er alle Eigenschaften der Rebe, des Bodens, des Klimas, ja des gesamten Terroirs seiner Herkunft offenbart, und zwar in jedem Glas. Jeder Schluck muss zum Genuss verführen, mit konzentrierten Eigenarten und komplexen sensorischen Erlebnissen und muss auf unverwechselbare Weise die Herkunft des Weins widerspiegeln. Mit dieser klaren Vorstellung basierend auf der alten handwerklichen Tradition der Mosel und seiner immensen Leidenschaft hat Ernst Loosen das Weingut Dr. Loosen in rund zwei Jahrzehnten auf Weltniveau gehoben, obgleich bereits Großvater Dr. Adams und Ernst Loosens Vater den Ruf hatten, großartige Rieslingspezialisten zu sein. Heute sind die eigenständigen, komplexen Rieslinge von Dr. Loosen weltweit begehrt und zugleich eine einzigartige Hommage an die Mosel.
Foto: © DrLoosen/Robin Head

Foto: © DrLoosen/Ann Beverley

Ernst Loosen hatte Archäologie und Anthropologie studiert. aber sich schließlich für das Weinmachen entschieden. Seine durch das Studium angefeuerte Neugier für Vergangenes und Hinterlassenes wurde zum Schlüssel für die Neuaufstellung des Weinguts und hat bis heute nicht nachgelassen. Er hatte sich schon seit Anfang der 80er Jahre intensiv mit dem Weinbau beschäftigt und freundete sich Mitte der achtziger Jahre mit dem Weinkritiker Stuart Pigott an. Mit ihm lernte er die englische Weinszene kennen und besuchte Top-Winzer im Elsass, in Burgund und in der Wachau. 1981 fiel ihm ein Buch in die Hände, das Weichen für sein ganzes Winzerleben stellen sollte: „Durch die Zeiten strömt der Wein“ von Dr. Karl Christoffel. Als er las, dass zu Goethes Zeiten vor allem jene Rieslinge von der Mosel geschätzt wurden, die 20 bis 30 Jahre im Holzfass lagen, war für den Forscher und Entdecker Ernst Loosen klar, was dem Moselwein der achtziger Jahre fehlte. Das war damals ohnehin die Zeit, als fast nur billige Süßlinge von Mosel und Rhein verramscht wurden. Fast wehmütig dachte Ernst an Kaisers Zeiten, als Riesling Kult war und Moselweine höhere Preise erzielten als Bordeaux und Burgunder.

Mit dem 2008er Jahrgang stellte Ernst den gesamten Ausbau der trockenen Weine auf Spontangärung im Holzfass um. Danach reiften die trockenen Rieslinge zwölf Monate auf der Vollhefe. Zudem wurden die Großen Gewächse erst spät abgefüllt und ab November in den Verkauf gegeben. Ab dem 2011er Jahrgang wurden Weine aus den besten und ältesten wurzelechten Lagen von drei unterschiedlichen Bodenarten 24 Monate auf der Vollhefe ausgebaut. Anschließend ruhten sie noch zwei bis drei Jahre in der Flasche. Überraschenderweise outeten sich diese Weine duftiger, feiner und eleganter als so mancher nur einjährig ausgebaute Wein, der eher mit Sturm und Drang auftrat. Bald wird das Weingut auch Rieslingweine aus den Spitzenlagen Ürziger Würzgarten, Wehlener Sonnenuhr und Erdener Prälat vorstellen, die drei Jahre im Fass reiften. Immer erfolgt der lange Fassausbau ohne Bâttonage, dem regelmäßigen Aufrühren des Tresters. Das würde das gezielt angelegte reduktive Milieu im Fass als Gegenspieler zur Mikrooxidation durch das Holz beeinträchtigen und Frische und Eleganz der Weine stören. Mit seiner handwerklichen Sorgfalt und Akribie hat Ernst Loosen in vielen weiteren Jahrgängen bewiesen, wie man Riesling vor Oxidation bewahrt und wie alterungs- und lagerfähig daher große Moselweine sein können. Angesichts des Starts seiner Ausbaumethoden in den Jahren 2008 und 2011 wird es dann 2028 und 2038 so richtig spannend werden, wenn zwanzig bis dreißig Jahrgänge im Glas erlebt werden können.
Foto: © DrLoosen/Ann Beverley

Foto: © DrLoosen/Ann Beverley

Bei aller Größe des Betriebs ist das Weingut Dr. Loosen in nunmehr siebter Generation bei seiner familiären Führung durch den charismatischen Kopf von Ernst Loosen geblieben, hat aber umfangreiche Strukturen geschaffen für die nachhaltige Arbeit im Weinberg und im Keller, für einen sozialen Umgang mit den Mitarbeitenden und für ein strenges Qualitätsmanagement unter Einbeziehung von Normen für Lebensmittelsicherheit, Umweltmanagement und Arbeitsschutz. Es hat sich von EcoStep zertifizieren lassen, womit das Qualitäts-, Umwelt-, Arbeits- und Gesundheitsschutzmanagement streng kontrolliert wird. Im Weinberg wie im Keller wird nachhaltig im Einklang mit der Natur gewirtschaftet.


Über das eigene Weingut hinaus hat sich Ernst Loosen noch weiter engagiert: 1996 wurde das historische Pfälzer Weingut J. L. Wolf übernommen, dessen Geschichte bis ins Jahr 1756 zurückreicht und das heute als Villa Wolf bekannt ist. Hier werden überwiegend herausragende Burgunderweine gemacht. Seit 2010 führt Ernst gemeinsam mit dem Winemaker Jay Christopher Somers das Weingut J. Christopher in Newberg bei Portland in Oregon, das für hochwertige Pinot Noirs bekannt ist. In einem Joint Venture mit dem legendären Weingut Château Ste. Michelle im nordwestlichen US-Bundesstaat Washington werden begehrte Riesling-Weine produziert. Bislang ist Château Ste. Michelle berühmt für die besten Cabernet Sauvignons der USA, aber mal abwarten…
Wer das Weingut Dr. Loosen in Bernkastel-Kues besuchen möchte, kann an den regelmäßigen Weinverkostungen teilnehmen und sich seit Neustem auch gleich eine passende Unterkunft in einem der sieben hochwertig ausgestatteten Zimmer des Gästehauses mit Aus- und Weitblick in die Weinberge und auf die Mosel beziehen.
Wir konnten zwölf Weine des Weinguts Dr. Loosen verkosten.
2024 Weißburgunder VDP.GUTSWEIN

Im Glas verbreitet sich ein zartes Strohgelb mit grünlichen Reflexen. Wir erleben eine fruchtige Duftigkeit von grünen Äpfeln, reifen grünen Birnen, Mirabellen und von feinen exotischen Richtungen wie Passionsfrucht. Hinzu kommen ein Hauch weißer Blüten und sogar ein eindeutiger Eindruck von würziger Mineralik. Im Mund verbreiten sich die Bukettaromen distinguiert und lassen auch noch Tönen von Kräutern, Nüssen, Ananas und einem Hauch Aprikose Raum – alles umgeben von einem cremigen Rahmen und einer ausgeprägten Mineralität. Der Wein hat eine interessante Schmelzigkeit mit winzigen Gerbstoffen und einer Spur Karamell. Er ist komplex und filigran und weist sortentypisch eine zarte Säure vor, die mit den kühlen Mineralen hervorragend harmonisiert. Im intensiven, mineralischen Abgang halten sich lange die vielschichtigen fruchtigen Nuancen. Ein äußerst trinkfreudiger Weißburgunder, der mit jedem Glas vom einzigartigen Terroir der berühmten Lagen an der Mittelmosel berichtet, das auch Burgundersorten einen besonderen Charakter verschafft. Lassen Sie ihn und sich begleiten von einem klassischen Gericht mit weißem Spargel und luftgetrocknetem Schinken oder von einem jungen Camembert aus der Normandie.
2023 Quini Cuvée blanc VDP.GUTSWEIN

Im Glas blitzt der Wein in einem sehr hellen Gelb und sendet grünliche Reflexe aus. Er duftet intensiv und transportiert jede Menge florale und fruchtige Noten, wie frische Zitrusdüfte, Grapefruit, Aprikose und grüne Äpfel, dazu Jasmin und weitere weiße Blüten. Am Gaumen zeigt er sich von einer bemerkenswert frischen Seite, leicht cremig, mit dezenter Fruchtsüße und mit saftigen Tönen von Zitrone, Limette, Ananas, Birne, Aprikose, Litschi, Apfel und Mandeln, plus einem Touch Vanille. So mancher Schluck lässt auf das schieferhaltige Terroir schließen. Mit seinen kräftigen Fruchtsäuren, dem kleinen Süßeschwänzchen und der feinen mineralischen Struktur ist es ein erfrischender Sommerwein, der sich mit einer erstaunlichen Eleganz präsentiert. Ein universeller Begrüßungswein auf der Terrasse, aber auch eine frische Begleitung einer Dorade in Beurre-Blanc oder eines italienischen Pasta-Tellers mit verschiedenen Sorten frisch geriebenen Hartkäses.
2024 Blauschiefer Riesling Trocken VDP.GUTSWEIN
Foto: © DrLoosen/Ann Beverley


Im Glas funkelt der Wein in einem hellen Zitronengelb und entfaltet animierende Apfel-, Zitrus- und Pfirsichnoten, die von einer sehr dezenten Würze und herrlichen mineralischen Blauschiefer-Schwaden umgeben sind. Ab und an denkt man auch an Mirabellen und Charente-Melone. Eine markante Säure prägt den Geschmack mit einer kristallklaren Frische und einer energischen Fruchtigkeit. Grüne Äpfel, weiße Pfirsiche, Litschis und rote Grapefruit vereinen sich mit einer feinen Kräuterwürze. Das aromatische Finish wird von der Säure und der kühlen Mineralik ordentlich gestützt und von einer ausgeglichenen Fruchtsüße angenehm milde und schmelzig gestimmt. Der kraftvoll strukturierte und schön ausbalancierte trockene Blauschiefer ist der perfekte Begleiter zu einem gedünsteten, leicht asiatisch gewürzten Wolfsbarsch, einem gebratenen Zanderfilet oder einem knusprigen Backhendl.
2024 Rotschiefer Riesling Trocken VDP. GUTSWEIN


Foto: © DrLoosen/Ann Beverley
Wir haben einen Riesling im gelbgrün glänzenden Glas, der sortentypische Duftnoten von gelben Pfirsichen, reifen Aprikosen und eine Spur Zitrus mit einem Hauch von Anis und Anmutungen von Erdbeeren entwickelt. Dazu drängelt die subtile würzige und fast rauchige Mineralität vom Rotschiefer in die Nase. Wir schmecken lustvoll eine saftige, extraktreiche Fruchtigkeit, die von frischen Pfirsichen und Passionsfrucht, roter Grapefruit und roten Äpfeln getragen wird. Der ordentliche Säurekern schickt den Wein in einen langen schmelzig-süßlichen Abgang mit einer druckvollen, stoffigen Textur und einer kräftigen würzig-mineralischen Ader. Ein äußerst tiefgründiger Wein im Gleichklang mit dem Terroir, der das sagenhafte Zusammenspiel von Boden und Rebsorte optimal abbildet, beste Eleganz von der Mittelmosel präsentiert und sich noch über viele Jahre entfalten wird. Das ist der klassische Begleiter zu einer großen Pfanne knoblauchfreier, asiatisch gewürzter Scampi oder zu einem Open-End-Abend mit guten Freundschaften.
2024 Grauschiefer Riesling feinherb VDP.GUTSWEIN

Das Bukett des Grauschiefer Rieslings entwickelt sich intensiv mit herrlichen Fruchtaromen von reifen Aprikosen, weißen Pfirsichen und grünen Äpfeln nebst einem kleinen Zitrushauch und einer winzigen Spur Cassis. Immer wieder kommt die typische, leicht rauchige Mineralität des grauen Schiefers zum Ausdruck. Auf der Zunge öffnet der Wein sich mit der terroirtypischen, feinen, aber vibrierenden Mineralität und einer animierenden Frische, die generiert wird von dem gekonnt austarierten Spiel von Rieslingsäure und Fruchtaromen mit Eindrücken von Pfirsich, Aprikose, Apfel, Maracuja und Zitrus. Mit leicht süßlichem Extrakt schmilzt der Wein im langen Abgang zart und ausgeglichen dahin. Ein charmanter Riesling mit einem herrlich leichtfüßigen Körper, schwebender Transparenz und großer Finesse – ein Wein, mit dem sich die Mittelmosel sensorisch zuverlässig entdecken und genießen lässt: Ein einzigartiges Zusammenspiel von feine Fruchtsüße, lebendiger Rieslingsäure und schiefrig-würziger Mineralik. Er ist zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Genuss: sowohl als Apéro als auch zu einem indischen Currygericht oder zu gebratener Kalbsleber.

Dieser Ortsriesling kommt aus den Blauschiefer-Lagen der Gemeinde Graach auf dem Bernkastel-Kues und Wehlen gegenüber liegenden Moselufer, insbesondere aus der Lage Graacher Himmelreich. Im Rahmen der strengen manuellen Selektion wurden ausschließlich botrytisfreie Trauben verwendet.
Der Wein lockt schon im weißgold ausgeleuchteten Glas unwiderstehlich mit seinen Düften von Grapefruit, grünen Äpfeln und weißen Pfirsichen, dazu ein Hauch Zitrus und eine sehr feine Kräuterabrundung im Hintergrund. Auch geschmacklich fallen die nuancierte Ausdruckskraft und Vielfalt auf, die von den klassischen Rieslingaromen wie Äpfeln, Aprikosen und Zitrus bis zu kräutrigen Noten und einem markanten Mineralgerüst reicht. Die knackige Säure macht den gehörigen Druck und unterstützt zusammen mit der charakteristischen Schiefermineralik den langen, frisch-fruchtigen und saftigen Abgang. Ein extrovertierter Riesling mit einer kristallklaren Coolness und animierenden Eleganz. Pairen Sie mit ihm spontan ein Guacamole-Dip mit Maisnachos oder ein Salat-Potpourri von Geflügel- über Käse bis zu Meeresfrüchten.
2024 Ürziger Würzgarten Riesling GG trocken Alte Reben VDP.GROSSE LAGE

Die wurzelechten Reben stehen in der Lage in Einzelpfahlerziehung und sind über 100 Jahre alt. Die Trauben wurden mit gnadenloser Selektion absolut botrytisfrei gelesen wie alle Großen Gewächse. Der Wein wurde nach Ernst Loosens Methode mit Spontangärung und zwölfmonatiger Reifung im Holzfass vinifiziert und erst im Herbst 2025 abgefüllt.
Im Glas steht jetzt ein wiederum hellgelber Wein mit goldenen Reflexen. Unsere Nasen nehmen erstaunliche tropische Düfte wahr, also Mango. Papaya und Ananas nebst einigen Birnen, Blutorangen und einer reifen Reineclaude. Dazu schwebt ein komplexer Hauch von floralen Expressionen wie Lorbeer, Rosen und Flieder, aber auch von Kräutern und Gewürzen aus dem Glas plus eine Anmutung von Feuerstein: insgesamt eine fast verspielte, vielschichtige und intensive Aromatik. Am Gaumen schmelzen Zitrusrichtungen mit Grapefruit, gelben Pflaumen, getrockneten Kräuter und Frühlingsblumen dahin. Der Wein tritt mit einer saftigen und dank der alten Reben hochkonzentrierten, aber zarten Fruchtigkeit auf, die von einer toughen, modern salzigen Mineralität vom Typ Feuerstein und Graphit umkreist wird und mit einer gut eingebundenen, delikaten Säure abgesegnet ist. Im schön schmelzigen Finish erfreut uns der komplexe, körperreiche und zupackende Würzgarten mit einer überraschenden Frische noch lange weiter. Dieser quicklebendige Riesling ist sanft und harmonisch texturiert, seine komplexe Tiefe und seine rasante Energie verschaffen ihm ein interessantes Potenzial für viele elegante Jahre. Genießen Sie ihn jetzt als Finesse von der Mittelmosel zu einem scharf gebratenen Saibling an einer Ingwersoße oder einem thailändischen Curry mit Kokos und Limette. Oder warten Sie noch zwei bis vier Jahre auf ein noch edler geglättetes und feinfühliges Moselerlebnis mit anhaltendem Fruchtglanz.

Die Bezeichnung Lay bedeutet soviel wie Schieferfels, mundartlich auch Dachschiefer. Die betreffende Lage am Ortsrand von Bernkastel ist ausnahmsweise mal keine Steillage, sondern fällt eher sanft zur Mosel ab und ist überwiegend durch Blauschiefer, an einigen Stellen auch durch Grauschiefer geprägt. Es ist eines der Großen Gewächse, die bei Dr. Loosen zwölf Monate auf der Feinhefe im großen Holz reifen.
Im Glas steht der Wein hellgelblich-grün und duftet offensiv nach weißen Pfirsichen und grünen Äpfeln mit Anklängen an weiße Johannisbeeren. Dazu erschnüffeln wir einen winzigen Touch Cassis, abgerundet von einer gefälligen Note Zitrus und deutlicher Schieferwürze. Mit steigender Lust und Laune schmatzen wir auf dem Wein herum: Eine saftige, leicht süßliche Fruchtigkeit, eine würzige Aromatik und eine frischefördernde Säure, dazu ein ausgeprägter feinsalziger mineralischer Druck bis über das beeindruckend füllige Finale hinaus. Ein komplexer und energiegeladener Riesling, der reichlich Mosel und die Stilistik eines großen Winemakers ins Glas bringt. Es ist der saftig fruchtige, elegante und jetzt schon perfekt zugängliche Begleiter, für den man weder eine Timeline noch einen besonderen Anlass und nicht einmal etwas Essbares braucht – just den Bernkasteler Lay Riesling GG trocken – so schmeckt Tradition heute.
2021 Graacher Himmelreich Tradition Riesling VDP.GROSSE LAGE

Ernst Loosen orientiert sich bei der Komposition der Weine in der Linie Tradition daran, wie in den 50er und 60er Jahren sein Großvater mütterlicherseits in der Familie Prüm die süßen Moselklassiker ausgebaut hat. Es werden 10% entrappte Trauben mitvergoren, dann reift der Wein 24 Monate im Fuderholzfass auf der Vollhefe. Zudem knüpft Ernst mit der Weinlinie Tradition an die vor dem Weingesetz von 1971 geltenden Regeln an, als für restsüße Weine wie Kabinette und Spätlesen der Zuckergehalt bei etwa 20 bis 25 Gramm gedeckelt war, während heute mit hemmungslosen 50 bis 60 Gramm das Publikum verschreckt werden darf.
Dieser feinherbe Riesling ist ein kristallklarer, kerniger, ausdrucksstarker, ja komplexer Wein, mit einer guten Säurestruktur und einer kräftigen Mineralität, der das faszinierende Süße-Säure-Spiel der Mosel zur Perfektion treibt. Er führt klare, vollduftige Aromen von weißen Pfirsichen, Mirabellen, Mangos und Äpfeln vor. Geschmacklich trumpft er saftig und prickelnd auf, tänzerisch, brillant und frisch. Die Aromen am Gaumen werden durch die mosel-charakteristische Zitrus-Eskorte bestimmt, nach längerer Öffnung kommen subtile Kräutertöne hinzu. Die reife, kristalline und leicht salzige Mineralität, seine rassige, ausbalancierte Säure und die herrlich nuancierte Restsüße machen den Wein zu einem begeisternden Erlebnis. Die beeindruckende Fruchtfülle und Tiefe stabilisieren ein langes Finale, das seine Finesse und Eleganz in vollendeter Harmonie noch lange nachträgt. Enttäuschen Sie den Wein nicht einfallslos mit irgendeinem Fisch. Stellen Sie den Wein zusammen zu einer sorgfältig komponierten großen Käseplatte aus Weichkäse- und Hartkäsesorten hin. Oder ganz frech zu einem Apfelkuchen.
2024 Wehlener Sonnenuhr Riesling Kabinett VDP.GROSSE LAGE

Die Wehlener Sonnenuhr ist eine nach Süd bis Südwest ausgerichtete Steillage mit perfekter Sonnenexposition. Der zumeist steinige Lehmboden auf grauem bis dunkelblauem Devon-Tonschiefer ist der klassische Speicher für die nächtliche Rebenheizung. Hier wird ausschließlich per Hand gearbeitet, erst recht bei der Lese. Das Besondere an der Lage ist der trotz Flurbereinigung recht große Restbestand an teilweise über hundert Jahre alten wurzelechten Reben. Ernst Loosen hat auch für restsüße Weine nach etlichen Experimenten eine eigene Methodik im Keller entwickelt, die er Teabag-System nennt. Rund 10 % der ganzen Beeren werden wie bei einem Teebeutel in Tanks gelegt, der frisch gepresste Most wird aufgegossen und alles spontan vergoren. Danach reift der abgestochene Wein in den Holzfuderfässern.
Der Wehlener Sonnenuhr Riesling Kabinett verströmt feinduftig kühle, attraktive Zitrus-, Apfel- und Birnen-Aromen mit reichlich weißem Pfirsich und einem dezenten Touch weißer Frühlingsblüten. Seine Frische kündigt sich schon über die Nase an. Im Mund flirtet er mit einer zärtlichen Süße und Spuren von Honig und Pflanzen. Das während der Reifung genossene Holz bleibt glücklicherweise weitgehend außen vor. Alles wird spannend umkreist von einer griffigen, tänzerischen Säure und intensiver Mineralität, was eine imposante Frische generiert. Auch im Abgang bleibt das gelungene Verhältnis zwischen würziger Süße und mineralischer Trockenheit erhalten. Ein schwereloser, vitaler und zärtlicher Kabinett-Riesling mit wunderbarem Geschmack, überzeugender Eleganz und stolzem Selbstbewusstsein. Zeigen Sie ihm doch einfach mal eine gigantische Sushi-Platte oder einen mit mildem Rosenpaprika abgeschmeckten Schweinefilet-Kopf vom Grill, medium-rare natürlich.
2024 Erdener Treppchen Riesling Spätlese VDP.GROSSE LAGE

In dieser Spätlese von Dr. Loosen zeigt das Treppchen seine ganze Stärke. Es gibt nur wenige Weingüter an der Mosel, deren frucht- und edelsüße Weine angesichts ihres betörenden und genialen Charakters auch notorische Trockentrinker einzuschenken wagen. Dabei geht es nicht um schwere Süßigkeitsbomben, die schüchtern in der Linie „restsüß“ versteckt werden, sondern um die modernen leichten Rieslinge, um mittel-süße Kabinette, süßliche Spätlesen und alles, was ab Auslese aufwärts liegt – mit einer atemberaubenden Vermählung von Säure und Fruchtsüße. So wie die Natur die Fruchtsüße eines Apfels ausbalanciert, so muss der Riesling sein. Die adäquate Säure bestimmt die so entscheidende Fruchtigkeit des Rieslings, die bloße Grammzahl des Zuckers ist dann völlig unerheblich. Stets sind es Weine, die durch die perfekte Frucht-Säure-Balance etwas Lebenslanges an sich haben, so dass man das Austrinken der letzten Flasche als echten Verlust empfindet, über den man glücklicherweise mit dem nächsten Jahrgang hinwegkommen kann, manchmal mit einer ungeahnten Steigerung der Persönlichkeit in der Flasche.
Der Erdener Treppchen Riesling Spätlese präsentiert einladende Aromen von Pfirsichen, Aprikosen und knallroten Äpfeln, dazu leichte Zitrusanklänge von Grapefruit. Eine vollreife Viktoriapflaume scheint aus dem Glas zu schweben und eine asiatische Rambutan wird entdeckt. Die Fruchtnuancen sind umgeben von einem floralen Bukett mit weißen Blüten und einem Hauch von Wiesenhonig. Die süßliche Duftigkeit macht Appetit auf einen Sofortschluck. Wie erhofft und erwartet kommt es zu einer Fruchtexplosion, die abgerundet wird durch die mineralische Tiefe vom Rotschiefer. Eine hochkonzentrierte Fruchtigkeit outet sich geschmacklich mit Aromen von eingelegten Pfirsichen, kandierten Aprikosen, Mirabellentarte und roter Apfelfrucht nebst Spuren von Zitruszeste. Immer stützt eine aktive Säure die süße Fruchtigkeit und sichert ein fein strukturiertes Mundgefühl. Wir entdecken auch noch eine fast unmerkliche Gerbstoffnote, die im Hintergrund dafür sorgen dürfte, dass man sich an dieser Spätlese noch locker fünf bis zehn Jahre lang erfreuen kann, regelmäßig natürlich. Ein außergewöhnlicher Wein, der die Mineralität des Bodens authentisch abbildet und dem die feine Säure und der starke Körper einen ewigen Abgang mit ungeahnter Frische verschaffen. Das ist der komplexe, restsüße Moselwein, wie er sich der Perfektion entgegen reckt: Eleganz ohne Schwere, schlank in der Textur, dicht in der Fruchtigkeit, tief in der Mineralik und getoppt von dem raffinierten, harmonischen Süße-Säure-Spiel – eine genussvolle Offenbarung.
Wir neigen beim food pairing der hochwertigen restsüßen Weine ja eher dazu, auf die üblichen Verdächtigen wie Blauschimmelkäse oder weit hergeholte Dessertkapriolen zu verzichten. Lenken Sie sich also nicht ab und lassen Sie auf sich und Ihre Gäste lieber die einzigartige Rieslingfrucht der Mittelmosel mit der vollendeten Vermählung von Säure und Fruchtsüße als Fest für die Sinne wirken. Nirgends auf der Welt findet man Rieslinge solcher Vollendung wie an der Mosel.
2024 Dr. Lo Riesling Alcohol-Removed

Im Glas schickt der alkoholfreie Riesling tatsächlich typische Rieslingnoten in die Nase: Feine Zitrustöne, etwas Pfirsich, Ananas, Mango und etwas Apfel. Dazu die erwartete Spur von Mineralität. Am Gaumen treten diese Aromen sanft vereint auf mit einer deutlich tropischen Richtung, schüchtern schließt sich eine rosa Grapefruit an. Vor allem aber kommen eine lebendige Säure und eine schön herbe Mineralität zum Ausdruck und alles geht verhalten süßlich, kristallklar und spritzig in ein langes Finale über. Ein Wein also, der ein hochwertiger und angesichts des fehlenden Alkohols ein ungefährlicher Trinkwein ist, den man den ganzen Tag über genießen kann. Er muss auch als Kompliment an Ernst Loosen gesehen werden, weil es Ernst mit seiner grenzenlosen Neugier, Experimentierfreude und handwerklichen Perfektion gelungen ist, einen authentischen alkoholfreien Moselwein zu machen, der endlich mal wie Wein schmeckt. Auch wenn es für alkoholfreie Weine noch kein allgemeines Qualitätsranking gibt – dieser Wein gehört in die Premium-Kategorie. Wenn Sie nett sein wollen zu sich und dem Wein, so bieten Sie ihm ein Spargelrisotto, ein Lachsfilet oder eine ganz normale Lasagne an.
Im Hörerlebnis stellt Ernst Loosen auf der ProWein 2024 das Weingut und seine Ideen vom Weinmachen vor.
Titel-Foto: © DrLoosen/Chris Marmann
weitere Fotos: © DrLoosen, soweit nicht anders angegeben
Flaschenfotos: © Weingut Dr. Loosen
HÖRERLEBNIS mit Ernst Loosen